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Diagnose AuDHS? Was es heißt, wenn ADHS auf Autismus trifft


Bild: Christin Klose/dpa-tmn

ADHS und Autismus - schließt sich das nicht gegenseitig aus? Obwohl es sich um eigenständige Diagnosen handelt, können ADHS und Autismus gemeinsam auftreten. Umgangssprachlich wird diese Kombination häufig als AuDHS bezeichnet.

Viele Betroffene berichten, dass ihnen weder klassische ADHS-Tipps noch Strategien für Autismus wirklich geholfen haben. Das liegt auch daran, dass sich die Merkmale beider Diagnosen gegenseitig beeinflussen und teilweise maskieren können.

«Wie es immer bei Komorbiditäten ist, können sich die Erkrankungen gegenseitig beeinflussen, im Positiven wie im Negativen», sagt Psychotherapeut Sascha Reiners. Unter Komorbidität versteht man das gleichzeitige Auftreten von zwei oder mehr eigenständigen Erkrankungen bei derselben Person. Die Kombination von Autismus und ADHS kann dadurch besondere Herausforderungen mit sich bringen - etwa im Umgang mit Reizüberflutung, Überforderung und den eigenen Bedürfnissen. Fragen und Antworten für Betroffene:

ADHS und Autismus: Was steckt hinter den beiden Diagnosen?

Autismus und ADHS sind angeborene neurobiologische Entwicklungsbesonderheiten, die unter anderem beeinflussen, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, Reize filtert und Verhalten steuert: «Und diese beiden Neurodiversitäten zeigen insgesamt deutliche Überschneidungen, aber auch Unterschiede», so Reiners.

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Tatsächlich geht es laut Reiners dabei weniger um ein Defizit an Aufmerksamkeit als um Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeitslenkung und den exekutiven Funktionen - also der Fähigkeit, sich selbst und das eigene Handeln zu steuern. Je nach Ausprägung können auch Hyperaktivität, Impulsivität, Übererregung oder Gedankenrasen auftreten.

Beim Autismus stehen dagegen laut Reiners Besonderheiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion, ein Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, repetitive oder stark fokussierte Verhaltensweisen sowie häufig Besonderheiten in der sensorischen Verarbeitung im Vordergrund.

Warum wird die Kombination AuDHS oft erst spät erkannt?

Treffen ADHS und Autismus gemeinsam auf, wird dafür häufig der Begriff AuDHS verwendet. Wissenschaftlich etabliert ist die Bezeichnung bislang nicht: «AuDHS ist eigentlich noch keine wissenschaftliche Diagnose», sagt Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie. Lange wurden ADHS und Autismus weitgehend getrennt betrachtet. Heute ist bekannt, dass beide gleichzeitig auftreten können.

Dass ADHS und Autismus generell häufig spät oder gar nicht erkannt werden, liegt laut Neuy-Lobkowicz unter anderem an Versorgungslücken im Erwachsenenbereich. Häufig werden Begleiterkrankungen wie Depressionen behandelt, während die darunter liegende ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung unerkannt bleiben.

Bei der Kombination beider Diagnosen kommt hinzu, dass sich ihre Merkmale gegenseitig verdecken können, so Sascha Reiners. So kann etwa die ADHS-bedingte Desorganisation das autistische Bedürfnis nach Struktur überlagern - oder Spontaneität und wechselnde Interessen bei ADHS autistische Merkmale verdecken. Dadurch wird es laut Reiners schwieriger zu erkennen, ob beide Diagnosen gleichzeitig vorliegen.

Erschwert wird die Diagnostik laut Psychotherapeut Reiners zudem durch sogenanntes Camouflaging oder Masking (dt. «Tarnen» oder «Maskieren»). Betroffene lernen, neurotypisches Verhalten bewusst nachzuahmen und wirken dadurch nach außen oft unauffällig oder gut organisiert. Tatsächlich kostet sie dieses Verhalten jedoch viel Energie. So kann laut Reiners jemand beispielsweise organisiert erscheinen, für alltägliche Aufgaben aber zahlreiche Hilfsmittel benötigen und deutlich länger brauchen.

Welche Herausforderungen warten im Alltag? 

Die Kombination aus ADHS und Autismus kann sich sowohl gegenseitig abmildern als auch verstärken. Während autistische Menschen häufig Struktur und feste Abläufe benötigen, suchen Menschen mit ADHS laut Astrid Neuy-Lobkowicz eher Abwechslung und Stimulation. Diese Gegensätze können sich teilweise ausgleichen - allerdings um den Preis hoher Anstrengung. «Es ist wahnsinnig anstrengend, weil dann sozusagen zwei Seelen in ihrer Brust wohnen.»

Sascha Reiners beschreibt die Kombination als «Feuer und Eis». Das eine Bedürfnis kann das andere überfordern: «Das eine braucht, was das andere nicht vertragen kann.» Dieses Spannungsverhältnis kann dazu führen, dass Betroffene schneller erschöpfen und Strategien, die bei einer der beiden Diagnosen helfen, bei der jeweils anderen nicht funktionieren.

Was ist bei der Behandlung wichtig?

Ist eine Behandlung etwa wegen hohem Leidensdruck nötig, muss sie laut Astrid Neuy-Lobkowicz individuell auf beide Neurodivergenzen abgestimmt werden. Für Autismus gibt es keine spezifische Medikation, bei ADHS kann eine passende medikamentöse Behandlung unter anderem Impulsivität und Konzentrationsprobleme reduzieren.

Gleichzeitig können autistische Merkmale nach einer erfolgreichen ADHS-Behandlung stärker sichtbar werden, weil die ADHS-Symptome zurückgehen.

Gibt es Strategien, die bei AuDHS im Alltag helfen?

Klassische Strategien für die einzelnen Diagnosen greifen laut Sascha Reiners bei AuDHS häufig zu kurz: Mehr Abwechslung kann bei ADHS helfen, bei Autismus aber überfordern - ein stark strukturierter Alltag wiederum kann den ADHS-Anteil unterfordern. Entscheidend ist, die Bedürfnisse beider Seiten miteinander zu verbinden.

Bei sogenannten Meltdowns und Shutdowns gibt es laut Reiners keinen einzelnen Trick. «Das sind Zustände von Überlastung, bei denen es entweder zu einem Rückzug nach innen oder zu einer extremen Reaktion kommen kann, bei der man vielleicht aggressiv wird oder Wutanfälle bekommt», erklärt er. Entscheidend sei, die Ursachen der Überforderung zu erkennen und die Gesamtbelastung zu reduzieren.

Dabei können weniger Reize, feste Routinen, ausreichend Pausen und Regenerationszeiten sowie einfache Hilfsmittel zur Selbstorganisation helfen. Wichtig ist, persönliche Frühwarnzeichen zu erkennen und sich rechtzeitig aus belastenden Situationen zurückzuziehen. Aber wie?

Der erste Schritt sei, die eigene Neurodivergenz zu verstehen. «Sie müssen verstehen, dass die neurodivers sind, dass sie anders zur Welt gekommen sind und dass niemand was dazu kann», sagt Astrid Neuy-Lobkowicz. Sie spricht von einer «Gebrauchsanweisung» für sich selbst. Heißt konkret: Wer versteht, was anders funktioniert und worauf er achten muss, kann die eigene Lebensgeschichte besser einordnen und Bedürfnisse klarer kommunizieren.

Auch der Austausch mit anderen neurodivergenten Menschen, etwa in Selbsthilfegruppen, hilft vielen Betroffenen. «Das ist oft so eine unheimliche Entlastung, dass sie sehen, nicht ich bin verkehrt, sondern ich bin anders», so Fachärztin Neuy-Lobkowicz. Das könne die Selbstakzeptanz stärken und dabei helfen, sich weniger an äußeren Erwartungen zu orientieren. Entscheidend ist, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und den Alltag entsprechend zu gestalten.


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(23.10.2026)